Wird die Schauspielszene weitgehend nur von Männern bestimmt?

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„Pro Quote Bühne“-Gründerin ANGELIKA ZACEK über Angst vor Beschäftigungslosigkeit, flache Strukuren und die Frage, ob Frauen anders als Männer inszenieren

Angelika Zacek, wie entstand die Idee zu «Pro Quote Bühne»?

Nach zehn Jahren im Regie-Beruf habe ich zusammen mit meinen ehemaligen Kommilitoninnen von der “Ernst Busch”-Regieabteilung gemerkt, dass wir an die berühmte gläserne Decke gestossen sind. Gemeinsam stellten wir fest, dass unsere Auftragslage immer dürftiger wird, während wir auf der anderen Seite beobachteten, dass unsere männlichen Kommilitonen allesamt viel erfolgreicher unterwegs waren. Wir wussten von dem Verein „Pro Quote-Film“, der sich damals frisch gegründet hatte, und wollten uns dem zunächst anschließen. Aber da die Unterschiede der Sparten zu groß. waren, haben wir beschlossen, das doch selber zu machen. Zuerst haben wir geschaut, dass wir eine starke Kerngruppe sind: sieben Gründungsfrauen, der Vorstand alles Regie-Absolventinnen der Busch-Schule. Dann haben wir auf die Studie von Kulturministerin Monika Grütters gewartet, die die “Pro Quote“-Filmfrauen” in Auftrag gegeben hatten, denn nur auf Basis der Zahlen kannst du argumentieren. Die wurde uns zugeschickt, und aufgrund derer erstellten wir unser Manifest. Dafür haben wir uns viele Unterstützer gesucht, bevor wir an die Öffentlichkeit gingen. Die strategische Beraterin der Filmfrauen hat uns ebenfalls beraten. Aufgrund der Studie haben wir entdeckt, dass es kein Wunder ist, warum wir zu wenig Angebote bekommen, da es da nämlich tatsächlich eine Schieflage gibt. Die Erkenntnis: Es liegt nicht an uns einzelnen Personen (wie das so oft angenommen wurde), sondern es gibt ein strukturelles Problem, eine systematische Diskriminierung von Frauen. Das wurde deutlich sichtbar. Und dann haben wir alle Intendanten über diese Studie informiert, auch darüber, dass wir einen Verein gegründet haben und mit ihnen ins Gespräch kommen möchten. Auf dieses Schreiben haben insgesamt zwei von ca. 260 Theatern reagiert. Bei vielen anderen hieß es später, die Briefe hätten die Intendanten überhaupt nicht erreicht. Die gefühlte Ignoranz war schon groß. Ulrich Khuon hat uns anschließend die Möglichkeit gegeben, im Deutschen Theater eine Pressekonferenz zu geben, das war toll. Und dann ging’s durch alle Medien, weil es natürlich ein gesamt-gesellschaftlich relevantes Thema ist.

Gab «MeToo» den Ausschlag für eure Gründung?

Nein, wir haben bereits vor der „MeToo“-Bewegung, im Jahr 2016, eine Homepage gebastelt, strategische Beratung genutzt, Unterstützer akquiriert. Das hatte eine sehr lange Vorbereitungsphase, weil wir gestärkt und unangreifbar in diese Sache hineingehen wollten, mit Größe, Stärke und Kraft, damit man uns nicht so leicht vom Tisch fegen kann. Daher hat es anderthalb Jahre Vorbereitungszeit gebraucht. Wir arbeiten ja auch alle nebenbei.

Seid ihr die erste Frauenbewegung im Theater?

Vorher gab’s schon Theaterfrauen, die sich gegen die Verhältnisse gestemmt haben, die hatten aber wenig Durchschlagskraft. “MeToo” hat das Ganze natürlich befördert.

Inwiefern?

Der Bühnenverein hat zumindest in puncto sexuelle Belästigung reagiert, es gibt da jetzt einen neuen Verhaltenskodex. Die “Pro Quote”- Filmfrauen haben die anonyme Beschwerdestelle “Themis”in Berlin mitbegründet, die sehr wichtig ist, weil sie unabhängig ist. Den Leuten dort kann man vertrauen, weil ja viele Theater immer noch ein System der Angst aufbauen.

Apropos Angst: Hattest du Angst, aufgrund deines Engagements für den Verein nicht mehr beschäftigt zu werden?

Darüber hab ich mir auf jeden Fall Gedanken gemacht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Frauen nicht schon viel früher so etwas gegründet haben: Weil die Angst, das bisschen, was man hat, zu verlieren, natürlich immer da ist. Ich dachte mir aber, dass ich in einem System nicht arbeiten will, wo man so etwas nicht sagen kann. Und wenn es wirklich so weit kommen sollte, dass ich dadurch kein Engagement mehr bekäme, dann möchte ich mit diesem Theatersystem auch nichts mehr zu tun haben. Die Angst, Schieflagen aufzuzeigen und dafür nochmal diskriminiert zu werden oder verachtet hat sicherlich auch bei anderen Frauen in punkto Vereinsgründung eine Rolle gespielt. Sicherlich werde ich von manchen Intendanten deswegen gemieden. Aber vielleicht finden mich auch andere genau deswegen gut. So genau kann ich das aber nicht sagen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Verein wächst und wir gemeinsam unsere Forderungen stellen als starke wachsende Gruppe.

Wie viele Mitglieder habt ihr?

Seit der Vereinsgründung im Herbst 2017 sind wir enorm gewachsen, von sieben auf mittlerweile 50 Mitglieder. Zudem gibt es noch 300 Unterstützer – die haben wir von den normalen Mitgliedsbeiträgen getrennt. Meist sind das alles Frauen aus dem Theaterbereich, aber auch Männer sind dabei. Uns alle eint: Wir finden es an der Zeit, dass eine diverse Gesellschaft sich divers im Theater widerspiegeln soll. Innerhalb der Theaterstruktur, aber auch genauso auf der Bühne (Rollenbilder, Texte, Inhalte, etc.) finden wir es wichtig, dass die weiblichen Stimmen genauso ihre Berechtigung haben, wie die männlichen – und alles, was an Diversity dazukommt, eben auch. Wir stehen nämlich insgesamt für Diversität im Theater. Das sieht man allein schon daran, dass sich unter den vier Gründerinnen des Vereins vier Nationalitäten befinden.

Glaubst du, dass Frauen anders inszenieren als Männer?

Das komplette Interview mit Angelika Zacek findet sich im Buch “Überleben im Darsteller-Dschungel”

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Mathias Kopetzki